Pioneers of Earth (Alexander Wolfsland)

Pioneers of Earth (Alexander Wolfsland)

Pioneers of Earth (Alexander Wolfsland)

Blogger: Peter Brendt
Datum: 14. Dezember 2025
Kategorie: Science-Fiction, Young Adult (14 - 19 Jahre)

"Als die Welt noch blau war" - Eine präzise erzählte Geschichte über unfreiwillige Migration zum Mars

Dieser Young-Adult-Roman verbindet wissenschaftlich fundierte Mars-Kolonisation mit einer schonungslos ehrlichen Coming-of-Age-Geschichte. Der Autor erzählt von Hannah, 16, Schwimmerin aus der Eifel, deren Eltern ohne ihr Einverständnis für die Mars-Mission ausgewählt werden. Das Besondere: Die Geschichte nimmt keine einfachen moralischen Positionen ein, sondern zeigt einen komplexen Konflikt zwischen elterlichen Träumen und jugendlicher Selbstbestimmung.

  • Reihe: Marsgirl-Chroniken: Band 1
  • Genre: Science-Fiction / Coming-of-Age
  • Erzählperspektive: Ich, Hannah Daun (16)

Ein Abschied, der achtzehn Monate dauert

Die meisten Science-Fiction-Romane über Weltraumkolonisierung beginnen mit dem Start. Dieser beginnt mit einem Wandbildschirm, den niemand richtig ansieht.

Auf dem Bildschirm spricht ein achtzehnjähriger Junge, der auf dem Mars geboren wurde, über eine neu entdeckte Eishöhle: hundertfünfzig Meter unter der Oberfläche, Wasser für tausend Menschen, ein Jahrhundert lang. Vor dem Bildschirm sitzt eine Sechzehnjährige mit Kopfhörern und scrollt durch ein Foto ihrer besten Freundin mit dem Jungen, der sich seit zwei Tagen nicht gemeldet hat.

Erst als ihr Vater ihr das Gerät aus der Hand nimmt, beginnt die Szene, um die es geht. Die Eltern haben sich beworben. Vor drei Monaten. Die Zusage kam vor drei Tagen. Für die Familie Daun. Alle drei.

Es folgt keine Diskussion. Es gibt nichts zu diskutieren.

Diese Eröffnung ist die beste erzählerische Entscheidung des Buches. Die Verkündung der Zukunft läuft im Hintergrund weiter, während im Vordergrund ein Mädchen die Treppe hochrennt und die Tür zuschlägt. Durch das geschlossene Holz hört man noch den Schlusssatz der Übertragung. Willkommen in der Zukunft.

Was Pioneers of Earth daraus macht, ist bemerkenswert: Der Roman spielt vollständig auf der Erde. Kein Raumschiff, kein Mars, keine Außenaufnahme. Achtzehn Monate Vorbereitung, ein Countdown, und am Ende eine Rakete, die auf der letzten Seite startet. Das Buch handelt nicht vom Aufbruch. Es handelt von dem, was man zurücklässt, und davon, dass man dabei nicht gefragt wurde.

Der Blog

Die zentrale Erfindung des Romans ist ein anonymer Blog. Last Earth Diaries, geschrieben um 00:23 Uhr von einer Sechzehnjährigen unter dem Namen MarsGirl_16. Zwölf Aufrufe.

Der Weg von dort zu 2,8 Millionen Followern ist die Wirbelsäule des Buches, und die Ich_Erzählerin erzählt ihn mit einer Präzision, die man selten liest. Zwölf Views. Zweihundertvierzehn. Dreihundertsiebenundvierzig. Dann, innerhalb einer Woche: 12.847 — 47.382 — 89.234 — 127.645.

Was daran gut funktioniert, ist die Ambivalenz. Der Blog ist erst ein Ventil, dann eine Waffe, dann eine Gefahr. Je mehr Menschen mitlesen, desto weniger gehören die eigenen Worte einem selbst. Eine Marketingchefin des Konzerns schlägt eine Rolle als Youth Ambassador vor. Die Protagonistin lehnt ab, und man merkt beim Lesen, wie knapp diese Ablehnung ausfällt.

Der Roman stellt damit eine Frage, die im weiteren Zyklus noch dreimal wiederkehrt, immer härter: Wem gehört die Erzählung über eine Mission, die eine Milliarde Menschen beobachten?

Die Wüste

Das beste Kapitel des Buches enthält keine Technik, keinen Konzern und keine Verschwörung.

Sechs Tage, fünf Nächte, hundertzwanzig Kilometer, fünf Jugendliche. Erfolgsquote der bisherigen Durchgänge: siebzig Prozent bestehen, zwanzig scheitern, zehn brechen ab. Sie verlieren acht von zwanzig Litern Wasser in einem Sandsturm. Sie verlaufen sich bei Nacht und stehen zwölf Kilometer statt vier vom Kontrollpunkt entfernt.

Am Ende kommen sie nach sechs Tagen, vier Stunden und dreizehn Minuten an, ohne den Notfall-Beacon aktiviert zu haben — als dritte Gruppe überhaupt in der Geschichte des Programms.

Hier entsteht die Gruppe, die die restlichen drei Bände trägt. Der Roman nimmt sich dafür Zeit, und das zahlt sich später aus: Wenn diese fünf Menschen zwei Bände weiter füreinander Strahlendosen kassieren, hat man verstanden, warum.

Der Riss in der Familie

Parallel läuft der Handlungsstrang, der dem Buch seine Schwere gibt. Hannahs Mutter, Radioastronomin, hat Chorea Huntington. Sie hat es verschwiegen, sie hat medizinische Berichte gefälscht, um überhaupt ins Programm zu kommen, und sie finanziert ihre Medikamente über Kanäle, die es offiziell nicht gibt.

Der Roman geht mit dieser Enthüllung erfreulich unsentimental um. Es gibt keine große Aussprache mit Musik darunter. Es gibt eine Rechnung: zwanzig Monate Vorrat werden gebraucht, achttausend Dollar pro Monat auf legalem Weg, fünfzehntausend auf dem Schwarzmarkt. Ein Arzt beschafft sechs Monate für sechsundzwanzigtausend. Dieser Arzt hat vor zwanzig Jahren seine Schwester verloren — nicht an ihre Krankheit, sondern an die Bürokratie. Das ist die einzige Begründung, die er gibt, und sie reicht.

Was hier angelegt wird, entscheidet später zwei komplette Bände: die Frage der Vererbung, und ein Umschlag, der erst in Band 3 geöffnet wird.

Der Antagonist, den man nicht hassen kann

Die Sabotagehandlung ist solide gebaut, aber sie ist nicht der Grund, dieses Buch zu lesen. Der Grund ist ihre Auflösung.

Hinter der Kampagne gegen das Programm steht unter anderem ein einundzwanzigjähriger Umweltwissenschaftsstudent — der Bruder einer der fünf. Er ist radikalisiert worden durch gefälschte Konzerndokumente, die eine Todesrate von vierzig Prozent behaupteten. Der reale Wert liegt unter 0,001 Prozent. Sein Plan war, die Startrampe zu sabotieren, um zu verzögern, nicht zu töten.

Er gibt auf, als man ihm die Fälschung nachweist. Kein Kampf, kein Showdown. Zwei Jugendliche legen ihm Belege vor, und er bricht zusammen.

Diese Entscheidung — den Gegenspieler nicht zu besiegen, sondern zu überzeugen — ist der früheste Hinweis darauf, wohin dieser Zyklus will. Zwei Bände später wird der eigentliche Antagonist eine Vertragsklausel sein.

Was den Zyklus vorbereitet

Wer die Reihe kennt, liest hier lauter Zündschnüre.

Die Hopeful. Ein Schiff explodiert in der dritten Beschleunigungsphase. Hundertsiebenundzwanzig Tote, ein Feuerball über dem Mondorbit, am Folgetag eine Gedenkfeier mit hundertsiebenundzwanzig Kerzen. Im Roman ist das eine Katastrophe im Hintergrund. Im nächsten Band ist es das Motiv eines Mörders, und im übernächsten steht es in einer Bilanz, die eine Konzernvertreterin über sich selbst aufstellt.

Echo-01. Zwei Tage vor dem Start, am Strand, schlägt ein Junge vor, in einer Eishöhle auf dem Mars zu heiraten — einer Höhle, die in der Vorgeschichte "Rebellion of the Marsborn" von fünf anderen Jugendlichen entdeckt wurde. Es dauert über siebenhundert Tage, bis dieses Versprechen eingelöst wird. Es wird eingelöst.

Die Fünf. Gruppe 7-Delta entsteht hier als Zufallsprodukt einer Kohortenzuteilung. Der Schwur, den sie sich geben, klingt beim ersten Lesen wie Jugendpathos. Er hält drei Bände.

Die Großmutter. Achtundsiebzig Jahre, Jasmin und grüner Tee, weißes Haar im Knoten. Ihr Abschiedssatz ist der beste des Buches, und er ist der einzige Moment, an dem der Roman sich erlaubt, kitschig zu sein. Er verdient es sich.

Kritik

Zwei Einwände.

Erstens: Die Mittelphase besteht aus einer langen Reihe von Übungen, Tests und Prüfungen — Tauchbecken, Chirurgie-Simulation, CO₂-Wäscher-Notfall, ein zweiundsiebzigstündiger Habitattest mit zweimal fünzig Menschen auf 158 Quadratmetern unter Stress. Jede einzelne Szene ist gut. Zusammengenommen entsteht eine Rhythmusgleichheit: neue Aufgabe, Rückschlag, Lernkurve, nächste Aufgabe. Verstärkt wird das durch die Erzählform — durchgehendes Präsens, kurze Absätze, hoher Dialoganteil. Das treibt an, aber es nivelliert auch: Ein Feuermach-Kapitel und ein Notfallmedizin-Kapitel klingen ähnlicher, als sie müssten.

Zweitens: Die Konzernebene wird eröffnet und im selben Kapitel wieder geschlossen. Die Sitzung mit der Geschäftsleitung ist für sich genommen stark — die Marketingchefin rechnet mit dreihundertvierzig Prozent mehr Bewerbungen, der CEO sieht ein unkontrollierbares Risiko, die Rechtsabteilung notiert und schweigt. Das sind echte Gegeninteressen. Nur kehrt der CEO danach nicht mehr zurück. Was ein durchlaufender Konflikt hätte werden können, bleibt eine einzelne Szene. Wer Band 3 kennt, weiß, wie viel mehr die Reihe aus dieser Ebene später herausholt.

Beides fällt vor allem rückblickend auf. Beim ersten Lesen trägt der Countdown darüber hinweg. Aber vielleicht ist es auch der jugendlichkeit der Protagonistin geschuldet, dass der Konzern erst mit zunehmender Reife ein relevanter Mitspieler wird.

Fazit:

Pioneers of Earth ist - trotz der Action - der leiseste Band des Zyklus und derjenige mit dem größten emotionalen Fundament. Er handelt von einer Sechzehnjährigen, die eine Entscheidung mittragen muss, an der sie nicht beteiligt war und die sich weigert, so zu tun, als wäre das in Ordnung. Außerdem ist das Buch ein wunderbares Fundament für die gelungenen Folgebände.

Für Leserinnen und Leser von: Andy Weir, Der Marsianer im Vorbereitungsmodus, sowie realistischer Jugend-SF, die auf Auserwählten-Mythen verzichtet.

Bewertung: 4 von 5 und eine klare Leseempfehlung.


Peter Brendt
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