Diesen Sommer springen wir (Alexandra Blöchl)
Die Autorin Alexandra Blöchl, die auch unter dem Pseudonym Anne Sanders schreibt, kenne ich schon seit einigen Jahren. Ihre Bücher haben mir allesamt gut gefallen und so war ich auch sehr gespannt auf ihr neuestes Werk, das Anfang Juli offiziell erschienen ist. Dankenswerterweise durfte ich es schon vorab lesen.
Es geht darin um eine fiktive Familie in einem winzigen Dorf irgendwo in Deutschland. Es gibt vier Kinder: Bennet, Sina, Olive und Kjell, die Geschichte ist aus Sicht der 17-jährigen Olive geschrieben. Vor fünf Jahren, als Olive zwölf war, traf ein Schicksalsschlag die Familie, als ihr Vater urplötzlich verschwunden ist und seitdem nicht mehr auftauchte. Es geschah während eines spektakulären Ereignisses, einer Aurora borealis. Während sämtliche Dorfbewohner in den Himmel schauten, um die Polarlichter zu bewundern, war Olives Vater von einem Moment auf den nächsten einfach weg, wie vom Erdboden verschluckt. Die Suche blieb ergebnislos und wurde irgendwann eingestellt.
Seit fünf Jahren lebt die restliche Familie also mit der Ungewissheit, was genau passiert ist. Olives Mutter hat sich komplett in sich selbst zurück gezogen, sie läuft nicht mehr, spricht nur noch das Nötigste und hat scheinbar jegliches Interesse an ihren Kindern verloren. Die vier Kinder, die zum Zeitpunkt des Verschwindens ihres Vaters zwischen sieben und 17 Jahren alt waren, verarbeiten das Geschehen jeweils auf ihre eigene Weise. Man könnte meinen, sie rücken enger zusammen, doch das Gegenteil ist der Fall.
Nun nähert sich der Tag, an dem sich das Verschwinden zum fünften Mal jährt. Im Dorf soll ein Fest gefeiert werden, bei dem die Polarlichter künstlerisch nachgestellt werden. Für Olive und ihre Familie ist klar, dass sie diesem Fest fernbleiben werden. Erzählt werden die letzten fünf Tage vor dem Fest, flirrende Sommertage im Juli, an denen man immer mehr eintaucht in Olives Gefühlswelt. Schon bald wird klar, dass sie ein Geheimnis mit sich herumträgt, dass sie mehr weiß über das Verschwinden ihres Vaters. Der einzige, dem sie ihr Geheimnis anvertraut hat, ist Emil, der Bruder ihrer besten Freundin.
Emil ist es auch, der ihr beisteht, als ein Journalist im Dorf auftaucht und anlässlich des Jahrestags unangenehme Fragen stellt. Doch Olives Ärger über den Zeitungsartikel gerät in den Hintergrund, als plötzlich ihr kleiner Bruder Kjell verschwindet – so wie einst ihr Vater …
Dies ist eine leise, ruhig erzählte Geschichte, die mich von der ersten Seite in ihren Bann gezogen hat. Mit Olive konnte ich sofort mitfühlen, da sie ihre Gedanken und Gefühle als Ich-Erzählerin mit den Leserinnen teilt. Ihre Andeutungen über das Geheimnis, das sie mit sich herumträgt, machen neugierig. Wunderbar beschrieben sind aber auch die übrigen Dorfbewohnerinnen mit all ihren liebenswerten und manchmal auch weniger liebenswerten Eigenheiten.
Neben dem Geheimnis um das Verschwinden des Vaters und die dramatischen Ereignisse rund um den kleinen Bruder geht es in dieser Geschichte auch ums Erwachsenwerden, um die erste Liebe, um die Frage, wer man sein und wie man leben möchte. Und so habe ich das Buch beinahe in einem Rutsch gelesen, es hat eine starke Sogwirkung entfaltet und wirkte noch lange nach. Der Buchtitel „Diesen Sommer springen wir“ bezieht sich zum einen auf eine Szene im Buch zwischen Olive und ihrem kleinen Bruder, kann aber auch im übertragenen Sinn verstanden werden, im Sinne von: Dieser Sommer verändert alles, es ist an der Zeit, sich aus der Vergangenheit zu befreien und sich der Zukunft zu stellen.
Fazit: Auf genialokal.de wird das Buch mit dem Bestseller „Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana Leky verglichen. Diesem Vergleich kann ich nur zustimmen, allerdings gefällt mir „Diesen Sommer springen wir“ vom Erzählstil und vom Spannungsbogen her deutlich besser. Ganz klare Leseempfehlung, 5 Sterne.
