„Arbeit macht geil"? Von wegen. Lenonore Lilja im Gespräch.

„Arbeit macht geil"? Von wegen. Lenonore Lilja im Gespräch.

„Arbeit macht geil"? Von wegen. Lenonore Lilja im Gespräch.

Blogger: Peter Brendt
Datum: 22. Juni 2026
Kategorie: Interviews

Leonore Lilja, 20, schreibt Romane, komponiert dazu die Musik und stellt die großen Fragen – am liebsten die unbequemen.

Mit vierzehn beginnt Leonore Lilja einen Roman zu schreiben, mit achtzehn bringt sie ihn selbst heraus. „Sterne Zählen – Die Dunkelheit verlassen" erzählt von einem einsamen Beobachter, der die Menschen grau und leer sieht, gefangen in Arbeit und Druck – bis eine Gestalt auftaucht, die anders ist. Die Hamburgerin, Jahrgang 2005, schreibt nicht nur: Sie komponiert die Musik zu ihrem Buch selbst, malt ihre Plattencover, steht als Liedermacherin zwischen Pop, Klassik und Kabarett auf der Bühne. Was all das verbindet, ist ein wacher, unbequemer Blick auf Leistungsdruck und Entfremdung – und der Mut, die großen Fragen zu stellen. Wir haben mit ihr über Dunkelheit, Hoffnung und das Schreiben gegen den Strom gesprochen.

Vom Kirchenchor zum Protestsong. Du hast mit dreizehn den D-Kantor in Kirchenmusik gemacht und bist mit vierzehn zu Fridays for Future gegangen, um Protestsongs zu schreiben. Wie passt diese kirchenmusikalische Strenge mit der Wut der Straße zusammen – hörst du das Sakrale heute noch in deiner Musik?

Leonore: Sowohl Klassik als auch Kirchenmusik haben mich geprägt, durch meinen Vater als Pianist & Organist und meinen Opa als Pastor. Vielleicht war es mir genau deswegen wichtig, einen anderen Weg einzuschlagen und etwas Eigenes zu machen.
Durch meinen Opa habe ich eine offene Kirche kennengelernt und gleichzeitig tue ich mir immer schwer mit großen Institutionen und habe mich gegen eine Konfirmation entschieden. Ich trete immer mal wieder in Kirchen mit meinen Songs auf und merke, wie ich zwischen Irritation und Wertschätzung des Publikums schwebe.
Meine Gedanken dazu sind noch lange nicht abgeschlossen …

Alles selbst. Du komponierst und produzierst deine Songs komplett selbst, malst sogar die Cover. Was treibt diese radikale Eigenständigkeit – Kontrolle, Notwendigkeit, oder etwas anderes? Und wo stößt das DIY-Prinzip an seine Grenzen?

Leonore: Ich mache das alles selbst, weil es sonst niemand für mich tun würde. Das hängt natürlich am Geld, weder mit 15 noch jetzt habe ich ein großes Budget. Und ich musste mich immer kreativ ausleben. Schreiben, Malen, Musik lag alles in meiner Möglichkeit, also warum nicht das eine vom anderen profitieren lassen? Doch vielleicht ist der ehrlichste Grund auch Kontrolle und das Gefühl, dass ich schon alles kann, wenn ich es nur versuche …
Aber das ändert sich gerade. Ich habe jetzt einen tollen Schlagzeuger (Robin Paulsen) und weitere Musiker*innen Freunde. Ich gebe zum ersten Mal Kontrolle ab, weil ich manche Sachen wirklich nicht kann und nicht machen möchte. Es hat aber auch gedauert, die richtigen Menschen zu finden.

„Ich singe über das, was unbequem ist." Geld, Tod, Leistungsdruck – du suchst gezielt die Reibung. Wie schreibt man einen Song über ein Tabu, ohne dass er belehrend wird? Woran merkst du, dass eine Zeile sitzt?

Leonore: Das ist einfach ein Gefühl. Manchmal lese ich eine Textzeile und freue mich so unfassbar, dass sie von mir selbst ist.
Ich kann nur über das schreiben, was mir Wichtig ist. Da gibt es keine Tabus. Mit Sprache zu spielen ist das schönste Spiel.

„Arbeit macht geil (und krank sein ist gesund". Der Titel zielt auf maximale Reibung. Wie ist der Song entstanden, und welche Reaktionen bekommst du – verstehen die Leute die Ironie, oder gibt es Missverständnisse?

Leonore: Ich habe sogar schon etwas Reibung aus dem Song herausgenommen aufgrund der Rückmeldungen, die ich online bekommen habe. Das war das erste Mal, dass ich mich für etwas weniger Provokation mehr Humor entschieden habe. Ich denke, das führt in diesem Fall insgesamt zur wirksameren Kritik.
Obwohl dieser Song so provokant daherkommt, kommt er doch in einem größeren Publikum an als andere Lieder von mir. Der Song ist im Januar entstanden, nachdem unser Bundeskanzler mal wieder die eigene Bevölkerung der Faulheit beschuldigt hat.
Und selbst wenn die Satire dahinter nicht verstanden wird, bin ich froh, wenn Menschen generell über meine Songtexte nachdenken.

Pop, Klassik, Kabarett. Du verortest dich selbst zwischen diesen Welten. Was bedeutet dir das Kabarettistische – die Zuspitzung, der doppelte Boden? Und welche Liedermacher-Tradition fühlst du im Rücken?

Leonore: Ich lliiiiiiieeeebe Georg Kreisler. Ich habe ihn erst kennengelernt, als meine eigenen Songs schon in die Richtung Kabarett schlugen. Und nach dieser Entdeckung war dann kein Halten mehr.
Bevor ich Songs geschrieben habe, habe ich wenig Musik gehört. Mit 12 habe ich mich für Popkünstlerinnen wie „Aurora, Pomme oder Billie Eilish“ interessiert, aber ich war nie ein richtiger Fan. Das werde ich erst jetzt.
Meine größte Prägung kommt wohl aus meiner Kindheit mit „Gerhard Schöne“ oder den Stücken von Chopin, Schubert oder Brahms, die ich am Klavier gespielt habe.

Das Instrumentale. Mit „Leonore – Solo Piano" hast du ein reines Klavieralbum veröffentlicht, ganz ohne Text. Was kannst du am Klavier sagen, das in einem Lied mit Worten verloren ginge? Improvisierst du dich in die Stücke hinein, oder stehen sie vorher fest?

Leonore: Ich improvisiere und daraus entstehen Melodien, die ich festhalten möchte. Es gibt Gefühle, die keine Worte brauchen. Mit Klaviermusik kann ich Ruhe einkehren lassen. Ich schreibe und sage so viel, dass es manchmal auch gut ist, keine Wörter zu brauchen.

„Ich bin neu" und die fehlenden Frauen. In dem Song thematisierst du, wie wenige Frauen es in deinem Umfeld gibt. Wie erlebst du das konkret – auf Bühnen, im Produzieren, im Booking? Hat sich seit 2024 etwas verändert?

Leonore: Seit 2024 hat sich vor allem mein Umfeld verändert, weil ich auf anderen Bühnen stehe, in denen besonders auf ein diverses Lineup geachtet wird. Doch außerhalb von diesen Orten sehe ich nicht so viel Veränderungen. Auch im Hobbybereich trauen sich eher Männer auf Bühnen. Und ich selbst arbeite mit vielen Männern zusammen, weil ich wenige Instrumentalistinnen kenne.
Und oft sehen oder verstehen Männer das Problem daran nicht. Dann kommt ein „bei uns gibt es doch aber ganz viele Frauen“ oder „aber was sollen wir daran ändern können?“.
Dabei wird vergessen, dass nur weil es eine Frau in einer Band gibt und Taylor Swift Erfolg hat, das lange nicht heißt, dass andere Frauen von Musik leben können. Besonders wenn sie Kinder haben.
Wer hat Zeit neben dem Job noch zu einer Open Stage zu gehen? Wer traut sich nach 23:00 nach dem Konzert allein nach Hause? Und wem wird beigebracht laut zu sein, sich zu zeigen und sich eine Bühne zu nehmen?
Die Ungleichheit, die es sowieso in der Gesellschaft gibt, wird in einem Job, in dem man so viel bewertet und verglichen wird, noch einmal deutlicher.
Vor allem wenn es dann noch auf Beziehungen, Netzwerke und Geld ankommt.

Haltung und Handwerk. Du engagierst dich für Klimaschutz, psychische Gesundheit, Feminismus, Antifaschismus. Wie verhinderst du, dass ein Song zur Parole wird – wo endet die Botschaft und beginnt die Musik?

Leonore: Ich finde Parolen gar nicht schlecht. Es braucht einfache Wiederholungen, damit sich etwas festsetzt. Aber ich habe auch zu viel Spaß an Wortspielen und dem Hinterfragen der eigenen Position, als dass ich nur Parolen schreiben könnte.
Musik transportiert Emotionen wie kaum ein anderes Mittel. Genau deswegen finde ich sie so wirksam bei gesellschaftlichen Themen, die abstrakt und weit weg wirken können.
Die Musik, die ich komponiere, passt sich meinen Gefühlen an. Und da diese Welt nicht simpel und die Themen widersprüchlich und verrückt sind, so wird meine Musik dynamisch, ironisch und dramatisch.

Roman trifft Klavierstück. Für „Sterne Zählen" hast du das passende Klavierstück komponiert – die „Musik zum Roman". Was kann die Musik erzählen, das die Sprache nicht erreicht? Und arbeiten Schreiben und Komponieren bei dir mit demselben Muskel oder mit zwei verschiedenen?


Leonore:
Natürlich geht es in meinem Roman viel um Musik. Ums Klavier und Kreativität. Denn das war das, was mir zwischen 15 und 18 Halt gegeben hat. Meine Klavierstücke und das Buch entstanden gleichzeitig. Eine wichtige Szene entstand als ich auf der Beerdigung meines Opas Klavier gespielt habe. Das Gefühl habe ich direkt danach aufgeschrieben.
Schreiben und Musik fühlen sich nicht gleich an, aber sie wechselwirken und geben mir beide etwas, das ich zum Leben brauche.

Die Bühne. Live wirkst du „direkt und poetisch, energievoll und tragisch, absurd und todernst". Wie viel von dem, was im Studio entsteht, verändert sich erst vor Publikum? Gibt es einen Moment im Konzert, auf den du jedes Mal hinarbeitest?


Leonore: Erst Publikum, dann Studio. Zumindest wird es gerade immer mehr so. So richtig gut kann ich einen Song erst, nachdem ich ihn mehrmals vor Publikum gespielt habe. Bald werde ich mein Lied „ich bin neu“ neu aufnehmen, da ich und der Song uns so sehr weiterentwickelt haben, durch die unzähligen Male, die ich ihn live gespielt habe.

Was als Nächstes laut werden will. Mit „Ich hab im Lotto gewonnen" kam gerade ein neuer Song. Wohin zieht es dich musikalisch – und bleibt zwischen den Songs noch Platz für ein zweites Buch?


Leonore:
Als nächstes steht erstmal mein Debütalbum an. Darauf arbeite ich jetzt schon ein Jahr hin, die Songs dafür sind aber schon oft mehr als 2 Jahre alt. Wenn das rausgebracht ist, dann habe ich so 5 verschiedene Bücher, die ich gerne weiterschreiben würde. Teilweise sind diese schon 50 Seiten lang. Aber gerade sehe ich auch, dass es für mich deutlich einfacher ist, Menschen mit Musik zu erreichen, denn der Buchmarkt ist nochmal viel härter.
Genug Ideen sind auf jeden Fall da, aktuell fehlt nur die Zeit und das Geld.
Es geht doch nur um Geld, nicht wahr?
So wird übrigens mein Album heißen, jetzt habe ich den Titel zum ersten Mal verraten 😉

Vielen Dank für den Einblick in Deine Arbeit und Dein künstlerisches Schaffen. Wir wünschen Dir alles Gute für die Zukunft und warten gespannt auf die erste Platte und das nächste Buch.


Peter Brendt
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