„Wir haben keine Angst vor dem Shitstorm" — Wie ein Leipziger Verlag Kindern zumutet, was das Leben ihnen sowieso zumutet
Der Klett Kinderbuch Verlag ist eines der spannendsten unabhängigen Kinderbuchhäuser im deutschsprachigen Raum. 2009 zunächst als Ableger des Stuttgarter Klett-Konzerns in Leipzig gegründet, ist er seit 2015 ein eigenständiger Verlag — klein und mit einer klaren Haltung.
Pro Halbjahr erscheinen gerade einmal sieben bis zehn neue Titel für Kinder zwischen 2 und 12 Jahren. Was den Verlag auszeichnet, ist sein programmatischer Mut: Während viele Kinderbuchverlage auf heile Welten setzen, stellt Klett Kinderbuch die großen Fragen des Lebens in den Mittelpunkt — Tod, Toleranz, Sexualität, Identität, Flucht. Bücher, die Kindern zumuten, was das Leben ihnen sowieso zumutet. Außerdem gibt es herrlich derbe kleine Quatschbücher.
Zum Programm gehören namhafte deutschsprachige Autorinnen und Autoren wie Kirsten Boie, Rotraut Susanne Berner, Anke Kuhl und Philip Waechter, ergänzt durch internationale Stimmen wie die mehrfach ausgezeichnete schwedische Autorin Pernilla Stalfelt. Der Anspruch des Verlags lautet dabei: Bücher sollen "schwungvoll, eingängig und wahrhaftig" sein — und dürfen ruhig Anlass zum Streiten geben.
Stellen Sie sich kurz vor: Wer sind Sie, und welche Rolle spielen Sie bei Klett Kinderbuch?
Ich bin Monika Osberghaus, die Gründerin und Verlegerin von Klett Kinderbuch, 63 Jahre alt. Vorher war ich Buchhändlerin, Übersetzerin, Journalistin – immer mit Bezug zum Kinderbuch. Ich habe mit 17 angefangen mit dem Thema und mich immer mehr hineingesteigert. Das sind also jetzt schon 46 Jahre!
Klett Kinderbuch hat sich einen Ruf erarbeitet, auch schwierige Themen für Kinder aufzugreifen — Tod, Flucht, Sexualität, Toleranz. Wie kam es zu dieser programmatischen Entscheidung?
Von Beginn an habe ich nach den Büchern und Themen gesucht, die mir in meiner langjährigen Arbeit mit Kinderbüchern zuvor gefehlt haben und von denen ich weiß, dass sie Kinder – neben Feen, Hexen, Einhörnern und Dinos – stark interessieren, sie angehen. Anfang der 2000er Jahre war als Folge des Harry-Potter-Erfolgs die Fantasy massiv im Kinderbuchmarkt angekommen und Mainstream geworden, dem wollte ich etwas entgegensetzen. Bücher, in denen Kinder ihr eigenes Leben erkennen können, was sie ja sehr wohl ebenfalls zu schätzen wissen, aber auch damals schon nicht genug bekamen. Weil die Erwachsenen meist zu ängstlich sind und ihnen zu wenig zutrauen. Heute ist das noch schlimmer geworden.
Wo ziehen Sie die Grenze? Ab wann ist ein Thema zu schwer für Kinder — oder gibt es diese Grenze gar nicht?
Die wichtigste Grenze ist die der Langeweile, Betulichkeit und Pädagogik. Ich mache keine Kinderbücher, die auch nur von ferne nach so etwas riechen. Wir sind im Gegenteil direkt antipädagogisch unterwegs. Inhaltlich würde ich nichts machen, das aktuell (d.h. in einem Staat ohne AfD-Einschränkungen o.ä.) auf den Index kommen würde. Also keine Gewaltverherrlichung, Nazi-Zeug oder Pornografie. Und ein persönliches Tabu habe ich außerdem: Ich würde Kindern unter 7 Jahren nicht von Abtreibungen erzählen. Älteren auch nur auf Anfrage und eher nicht per Buch. Ich persönlich finde einfach, sie müssen, während sie Kind sind, noch lange nicht wissen, dass es die Möglichkeit gegeben hätte, sie wieder wegzuschicken.
Wer entscheidet eigentlich, was für Kinder "altersgerecht" ist — Verlage, Eltern, Pädagogen oder die Kinder selbst?
Letztlich natürlich die Kinder selbst. Jedes Buch, das ein Kind liest, ist ein Kinderbuch. Egal, welches. Aber um den Verkauf und die Vermittlung kümmern sich nun mal die Erwachsenen, und die setzen dann diese Altersmarkierungen. Wir nennen immer ein Alter, das wir und unser Vertrieb so ungefähr für Handelszwecke okay halten, aber das tun wir nur für die viel zu vorsichtigen Erwachsenen. Denn die Kinder selbst merken ja sofort, wenn ein Buch für sie nicht passt, und dann legen sie es weg.
Was unterscheidet Ihren Ansatz von anderen Kinderbuchverlagen — und was können Sie sich von anderen abschauen?
Wir schauen konsequent nach dem, was Kinder wissen wollen und worin sie ihr eigenes Leben erkennen können – statt nach dem, was sie wissen sollten. Der Blick der Kinder auf die gegenwärtige Welt ist für uns wichtiger als der von erwachsenen Pädagog:innen auf Kinder. Wir versuchen dies mit realistischen Inhalten zu beantworten, also so wenig wie möglich fantastische Elemente oder Handlungslinien, vermenschlichte Tierfiguren oder dergleichen zu benötigen. Wir zeigen in unseren Büchern auch die ambivalenten, traurigen und anstrengenden Seiten des Kinderlebens. Und wir geben dem Hang der Kinder nach Quatsch viel Raum. Das kann alles gerne recht derbe und drastisch sein. Wichtig ist dennoch, dass ein Kind irgendwie erbaut aus dem Buch herauskommt, also positiv in Schwingung versetzt und in seiner Freude am Sein bekräftigt wird. In dieser Gesamt-Haltung sind wir so konsequent auf Seiten der Kinder, dass das nicht immer gut fürs Geschäft ist.
Anderen gelingt oft die Vermarktung besser. Wir sind ziemlich auf die Inhalte konzentriert, freuen uns, ein starkes und gesprächslustig machendes Buch auf diesen überreifen Markt zu werfen – und müssen leider oft hilflos zuschauen, wie es in der Masse der anderen Angebote untergeht. Dieses Nachfassen nach der Publikation, das Ausschlachten aller Verbreitungsmöglichkeiten – das können andere oft deutlich besser. Sie investieren dafür mehr Geld und Energie, während wir schon wieder japsend am nächsten Programm arbeiten und für die Mühen des Marketings einfach zu wenig menschliche und finanzielle Ressourcen haben.
Welches Ihrer Bücher hat die stärkste Reaktion ausgelöst — positiv wie negativ?
Immer mal wieder gibt es sehr starke Reaktionen in beide Richtungen, ich kann da kein Ereignis als Stärkstes oder Markantestes rausgreifen. Sehr wichtig war einmal ein einzelner Facebook-Post, ein Hilferuf von uns für das sehr berührende kleine Buch „Klein“, das von häuslicher Gewalt erzählt und deshalb sehr schwierig zu verkaufen war. Der eine Post hat es gerettet, die Resonanz war riesig und so nachhaltig, dass das Buch inzwischen seit vielen Jahren ein Longseller ist. Das war sozusagen ein Candy-Storm allererster Güte – er fegte das Buch sogar für Tage auf Platz 1 von allen (!) Amazon-Titeln.
Shitstürme können auch sehr hilfreich sein; wir haben mehrere erlebt. Der heftigste tobte um unser Buch „Alles lecker“, in dem wir ein Schwein in Massentierhaltung zeigen. Das machte den Bauernverband wütend, was dem Buch einen Riesenabsatz bescherte.
Ein anständiger Shitstorm ist jedenfalls Gold wert. Wir haben keine Angst davor, weil wir ja vorher schon wissen, warum wir die jeweiligen Bücher wichtig finden, d.h., wir werden von kritischen Stimmen in der Regel nicht überrascht, sondern sind darauf vorbereitet, antizipieren sie schon, während wir das Buch planen. Und wenn man in diesem Punkt gelassen ist, kann so eine Diskussion, auch wenn sie teilweise giftig wird, schön Schwung hineinbringen.
Leider scheint die Zeit der „stärksten Reaktionen“ vorbei zu sein. Nicht, weil wir plötzlich bravere Bücher machen würden, im Gegenteil. Die Streitlust über sie hat nachgelassen; vermutlich haben die Leute ganz allgemein härtere Dinge zu diskutieren und keine Energie mehr, sich über ein Kinderbuch aufzuregen.
Was wünschen Sie sich für die Kinderliteratur der nächsten zehn Jahre?
Ich wünsche mir, dass die heutigen jungen Eltern hungrige Leser von echten, anspruchsvollen Erwachsenenbüchern sind, ganz egoistisch für sich selbst. Die Kinder sollen ums Vorlesen betteln und hören, dass die Mama sagt: O nee, ich bin grad selbst in so einem spannenden Buch, aber na gut, komm her. Ich wünsche mir auch, dass Erwachsene Kinderbücher nicht zu ihrer eigenen Beschwichtigung brauchen (und ihren Kindern daher beruhigende, verlogen-tröstliche, neue Heile-Welt-Kinderbücher kaufen), sondern selbst Spaß an markanten und ehrlichen, aufkratzenden Geschichten für Kinder entwickeln. Dass sie ihre eigenen Handys weglegen und mit ihren Kindern über diese Bücher ins Reden geraten.
Ich wünsche mir, dass die Politik Leseförderung und damit Bildung als eins der wichtigsten Staatsziele betrachtet, wenn sie die Demokratie erhalten will. Dass also da ein richtiger Ruck passiert und starke Strukturen dafür fest verankert werden.
Ich wünsche mir Erwachsene, die einen Ekel gegen alles kultivieren, was KI im Kinderbuch macht. Dass sie ein Sensorium dafür entwickeln und diesen wirklich schädlichen Dreck meiden wie der Teufel das Weihwasser.
Vielen Dank, Monika Osberghaus, für dieses Gespräch — und dafür, dass Sie sich vor keiner Antwort gedrückt haben. Wir hoffen noch viele tolle Bücher von Euch auch bei uns im Magazin vorzustellen.
