Pioneers of Mars (Alexander Wolfsland)

Pioneers of Mars (Alexander Wolfsland)

Pioneers of Mars (Alexander Wolfsland)

Blogger: Peter Brendt
Datum: 25. August 2026
Kategorie: Science-Fiction

Reihe:Marsgirl-Chroniken: Band 3
Genre: Hard Science-Fiction / politischer Thriller
Erzählperspektive: Ich, Hannah Daun (19)


Die Katastrophe hat keinen Bösewicht

Die stärkste Figur dieses Romans ist eine Frau, die achtundachtzig Menschen in den Tod geschickt hat, ohne es zu wollen.

Dr. Ingrid Vasari, einundfünfzig, dreißig Jahre auf Bohrstellen, bekommt sieben Wochen vor dem Einsturz ein externes Gutachten auf den Tisch. Achtzehn Seiten. Empfehlung: Bohrpause, seismische Nachvermessung, ein soletauglicher Preventer. Sie vertagt es dreimal. Beim dritten Mal ohne Vermerk, weil das Quartal ausläuft und man bei 2.680 Metern Bohrtiefe steht. Zielvereinbarung: 2.700.

Ihr eigenes Urteil über sich fällt später in einem Satz, der über dem ganzen Buch stehen könnte: So sterben Menschen wirklich. Nicht durch Bosheit. Durch Termine.

Das ist die Entscheidung, die diesen Band von seinen Vorgängern trennt. Band 1 hatte einen Saboteur und viele andere Hindernisse, beispielsweise Hannah selbst. Band 2 hatte einen Mörder an Bord und ein kaum mehr flugfähiges Raumschiff. Band 3 hat einen Kalender.

Die ersten einundsechzig Sekunden

Um 04:12 Marszeit trifft der Meißel bei 2.740 Metern eine Soletasche mit 135 bar. Der Preventer schließt vier Sekunden zu spät. Vierhundert Meter Höhlendecke stürzen ein. Vom ersten Signal bis zur Stille vergehen einundsechzig Sekunden.

Was dann folgt, ist eines der besten Katastrophenkapitel, die ich seit Langem gelesen habe — und es besteht fast vollständig aus Warten.

Eine Kommunikationstechnikerin gräbt das Funkgehäuse aus, quetscht sich durch einen handbreiten Spalt, verlegt einundfünfzig Meter Koaxialkabel nach draußen und beschwert es mit Steinen. Dann kann sie nicht mehr zurück, weil das Schott nicht ohne Entlüftung der Kaverne öffnet. Also wartet sie hundertzehn Minuten auf den Sonnenaufgang, weil die Ionosphäre erst dann das Kurzwellenband trägt. Um 06:02 sendet sie den Mayday, ohne Freigabe — ein Vertragsverstoß, ihr Name steht auf Seite 41 eines 41-seitigen Betriebsvertrags. Um 07:14 stirbt sie.

Gefunden wird sie am nächsten Tag, sitzend an einer Wand, Vorratsanzeiger auf null, Handschuhe innen durchgescheuert.

Der Roman braucht für diese Sequenz keine einzige Zeile Pathos.

Zwei Uhren, die gegeneinander laufen

Strukturell ist Pioneers of Mars ein Doppelthriller, und die Konstruktion ist präziser gebaut als in beiden Vorgängerbänden.

Uhr eins ist physiologisch: In zwei verschütteten Kavernen steigt der CO₂-Wert. Die Absorber reichen bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Der Rettungskonvoi braucht sieben Tage für 1.890 Kilometer. Die Rechnung geht nicht auf, und der Roman lässt seine Figuren das mit dem Taschenrechner nachprüfen.

Uhr zwei ist juristisch: Der Autonomievertrag der Kolonie läuft in vierundsechzig Tagen aus. Die Verhandlungsdirektorin des Konsortiums legt eine Zwölf-Punkte-Vorlage vor, und in Artikel 12 steht die Klausel, die aus einer Rettungsaktion einen Rechtsbruch macht.

Die Kolonie genehmigt daraufhin keine Rettung, sondern einen humanitären Bereitschaftseinsatz. Der Unterschied ist rein sprachlich. Er ist trotzdem der Grund, warum überhaupt jemand losfährt.

Wer politische Science-Fiction mag, findet hier das beste Material des ganzen Zyklus. Der Antagonist ist kein Konzernchef mit Zigarre, sondern eine Vertragsklausel, die von niemandem böse gemeint war und trotzdem funktioniert wie eine Waffe.

Was es kostet

Der Roman hat eine unangenehme Angewohnheit: Er beziffert alles. Denn Hannah zählt.

Ein Botaniker geht durch einen havarierten Reaktorgang, achtzig Meter Dunkelheit, geführt über ein Kabel-Headset von einem Freund, der selbst nicht hinein darf, weil er vor zwei Jahren schon 2,3 Sievert abbekommen hat. Enddosis des ersten Durchgangs: 0,94 Sievert. Beim zweiten kommen 0,27 dazu. Man liest diese Zahlen und weiß nach der Lektüre von Band 3 genau, was sie bedeuten.

Eine Rover-Fahrerin verliert die Funktion einer Hand und übt elf Wochen heimlich mit der anderen.

Ein Rover-Koordinator (Marcus Carter) mit vierundzwanzig Dienstjahren stirbt bei Kilometer 1.688 — beim Bruch genau der Regel, die er selbst geschrieben hatte, weil vor ihm jemand daran gestorben war. Die Kolonie entscheidet später, seinen Namen nicht auf die Gedenktafel zu setzen. Diese Entscheidung wird nicht kommentiert. Sie steht einfach da.

Achtunddreißig Tote. Der Roman verliest sie zweimal vollständig: einmal in elf Minuten zu Beginn einer Live-Sendung, einmal in elf Minuten vierzig Sekunden bei minus sieben Grad vor 744 Menschen. Beide Male ausgeschrieben. Beide Male ohne Musik darunter.

Der Höhepunkt ist eine Übertragung

Die Auflösung dieses Buches ist kein Kampf. Sie ist vier Stunden Livestream aus einer verschütteten Höhle.

Die Protagonistin, seit über einem Jahr offline, sendet wieder als MarsGirl_16 — ermöglicht durch ein gefälschtes Wartungszertifikat, das jemand in elf Sekunden ausstellt. Sie verliest Namen. Sie zitiert Seite 11 aus einem vierunddreißigseitigen geologischen Bericht, dessen Verfasserin nach drei schriftlichen Nachfragen suspendiert wurde. Sie stellt vier Fragen an das Konsortium.

Und die Verhandlungsdirektorin, die die Übertragung mit einem Fingerdruck beenden könnte, zögert zweiunddreißig Sekunden über der Trennen-Fläche und tut es nicht.

Diese zweiunddreißig Sekunden entscheiden den ganzen Konflikt. Das ist eine sehr mutige Entscheidung für einen Höhepunkt, und sie funktioniert, weil das Buch sich die Zeit genommen hat, diese Figur nicht als Monster zu zeichnen.

Was danach kommt, ist bemerkenswert unspektakulär: Am Firmenstandort - weit weg von Olympus 1 - schrauben vierzig Menschen in zwei Werkshallen in vierundneunzig Minuten vierzehn Rover-Steuerungsgehäuse auf und kommen dem Rettungskonvoi von Olympus 1 zu Hilfe. Eine Presse steht turnusmäßig vierzig Sekunden still — die erste Stille dort seit fünf Jahren. Ein Vertrag läuft irgendwann um Mitternacht aus, und es passiert sichtbar nichts. Eine Konzern-Wetterzeile verschwindet von den Anzeigetafeln.

So sieht Revolution in diesem Buch aus. Kein Sturm auf die Bastille, sondern eine Verwaltungsordnung, die mit vier Seiten anfängt und auf 211 anwächst.

Der Abschluss des Zyklus

Wer die Reihe von Anfang an gelesen hat, bekommt hier eine ganze Reihe eingelöster Versprechen.

Die Wasserhöhle Echo-01, in der Vorgeschicht "Rebellion of the Marsborn" ersten Band entdeckt, wird zum Ort der Schlussszene. Eine Zeichnung mit der Notiz SOL 270 ODER SO, entstanden während der Reise in Band 1, findet nach über fünfhundert Sol (Tagen) ihre Erfüllung.

Die Erbkrankheit. Der stärkste Nebenstrang ist ein Umschlag, der über weite Strecken des Buches ungeöffnet in einem Tresor liegt. Der prädiktive Gentest auf die Krankheit, an der die Mutter der Protagonistin gestorben ist. Die Neurologin von Olympus 1 bringt es gegenüber Hannah auf die schönste Formulierung des Bandes: Nichtwissen ist auch eine Diagnose. Sie heißt nur anders. Dass die Auflösung erst weit nach dem politischen Höhepunkt kommt, ist genau richtig gesetzt.

Der Bruder. Der radikalisierte Aktivist aus Band 1 kehrt zurück, und der Roman erspart sich jede Genugtuung. Sein Verfahren endet mit vierhundert Dollar Strafe. Vier Zeilen, keine Kommentierung. Wer Gerechtigkeit erwartet hat, bekommt Rechtsprechung.

Die Generation. Die marsgeborenen Jugendlichen aus der Vorgeschichte und "die Fünf" aus den Marsgirl-Chroniken stehen hier zum ersten Mal gemeinsam an derselben Front. Die Anführerin des gemeinsamen Versorgungsausschusses am Ende ist neunzehn. Das ist der Punkt, auf den der gesamte Zyklus hingearbeitet hat.

Kritik

Der Personenapparat ist an der Grenze des Zumutbaren. Zwei Kavernen, ein Konvoi, ein Rat mit elf Sitzen, ein Werk mit eigenem Personal. Es ist bisweilen unübersichtlich. Zum Glück steht bei jedem Kapitel, wo und wann es gerade stattfindet. Man fühlt sich an die Komplexität von "The Expanse" erinnert. (Dafürt ist Band 3 aber auch fast doppelt so dick, wie Band 1 oder 2. Man bekommt viel Lesestoff.)

Der Mittelteil selbst hat eine kleine Delle. Zwischen der Ankunft in Kaverne A und dem Durchbruch zu Kaverne B liegen mehrere Kapitel, in denen der Roman vor allem verwaltet: Listen, Dosiswerte, Anwesenheiten. Das ist thematisch stimmig — Logistik ist in diesem Buch ausdrücklich das Thema — aber es kostet Tempo.

Und wer Antworten auf die Fäden aus der Vorgeschichte erwartet, insbesondere zur künstlichen Intelligenz AURA der Kolonie, wartet weiter. Der Zyklus hat hier eine offene Tür, durch die noch niemand gegangen ist.

Fazit

Pioneers of Mars ist der reifste Band des Zyklus. Er verzichtet auf einen Bösewicht, auf einen finalen Kampf und auf jede Form von Triumph, und er ist dadurch stärker als seine beiden Vorgänger.

Sein eigentliches Thema ist nicht der Mars. Es ist die Frage, wie viele Menschen eine Zielvereinbarung wert ist — und wer die Rechnung am Ende bezahlt.

Der letzte Satz gehört einer Tomate. Sie heißt „Marcus". Mehr sage ich nicht.

Für Leserinnen und Leser von: Kim Stanley Robinson, The Expanse, Andy Weir — und für alle, die einen Katastrophenroman suchen, in dem die Bürokratie gefährlicher ist als der Planet.

Bewertung: 5 von 5


Peter Brendt
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