Niederegger – Der Traum vom edlen Genuss (Lena Johannson)
Anfang September erschien offiziell dieser historische Roman über die Anfänge des berühmten Unternehmens Niederegger Marzipan aus Lübeck. Das passt gut, schließlich ist in den Supermärkten schon längst das erste Weihnachtsgebäck zu finden 😉 Und ich kann Euch versprechen: Bei der Lektüre dieses Romans bekommt Ihr garantiert Appetit auf Süßes!
Im Roman, der in den Jahren 1800 bis 1823 spielt, geht es um Johann Georg Niederegger, einen jungen Konditor, der von Ulm nach Lübeck kommt, um dort sein Glück zu versuchen und seinen Traum von der Marzipanherstellung zu verwirklichen. Er findet eine Anstellung in der Bäckerei Maret, wo er sich bald zur rechten Hand des Bäckermeisters hocharbeitet.
Parallel dazu wird die Geschichte von Anna Schumacher aus Oldenburg erzählt. Sie ist mit Mitte 30 noch unverheiratet und lebt im Hause ihrer Eltern, wo sie ihre todkranke jüngere Schwester Sophie pflegt. Nach deren Tod soll Anna Sophies deutlich älteren Mann heiraten und sich um Sophies kleinen Sohn kümmern. Doch Sophie hat Anna vor ihrem Ableben das Versprechen abgerungen, ihr eigenes Leben zu leben, um ihre Freiheit zu kämpfen und anderen Frauen ein Vorbild zu sein. Anna verspricht es, wohlwissend, dass solch ein Versprechen nicht leicht zu halten ist, schließlich haben Frauen zu dieser Zeit keinerlei Rechte. Als sie sich dem Heiratswunsch ihrer Eltern widersetzt, schicken diese sie nach Lübeck zu Verwandten. Dort soll sie gewissermaßen zur Besinnung kommen.
In Lübeck trifft Anna Johann und die beiden verlieben sich. Anna tut alles, um Johann bei seinen ehrgeizigen Plänen zu unterstützen. Doch die Zeiten sind schwierig, Kriege und Besatzungen beuteln das Land und die Stadt Lübeck: Erst kommen die Preußen, dann die Franzosen, die Engländer verhindern den Warentransport über die Elbe und die Nordsee. Doch Johann ist für sein köstliches Marzipan, das sich inzwischen einen guten Ruf in Lübeck erworben hat, auf Mandellieferungen aus Sizilien angewiesen. Ein Schmuggel über Helgoland scheint die einzige Lösung zu sein, doch die ist lebensgefährlich …
Wie die Autorin im Nachwort erläutert, ist über die reale Anna Niederegger außer ihrem Geburts- und Sterbedatum kaum etwas bekannt, ihre Geschichte im Roman ist also frei erfunden. Etwas mehr weiß man über die Geschichte des Unternehmens Niederegger und dessen Gründer Johann Georg, hier hat sich die Autorin an die tatsächliche Historie gehalten, manches aber zeitlich etwas gestrafft. Viel gelernt habe ich bei der Lektüre über die wechselhafte Geschichte der Stadt Lübeck. So wusste ich beispielsweise bislang nicht, dass Lübeck einmal zu Frankreich gehört hat und Hauptort eines Arrondissements des nordöstlichsten französischen Départements war.
Vor allem aber habe ich die Geschichte von Johann und Anna mit Begeisterung gelesen! Es hat mir gefallen, wie die beiden gemeinsam für ihren Traum gekämpft haben, gegen viele Widerstände, und ich wünsche mir, dass ihre Ehe tatsächlich von so viel Liebe geprägt war, wie es im Roman dargestellt wird. Selbstverständlich ist das nicht, denn wie oben bereits erwähnt, hatten Frauen zu Beginn des 19. Jahrhunderts keinerlei Rechte. Sie wurden aus rein wirtschaftlichen Interessen verheiratet und waren allzu leicht von Armut bedroht. Das wird im Buch deutlich dargestellt anhand der Figur Gesche, einer Prostituierten, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, junge Mädchen vor diesem Schicksal zu bewahren.
Fazit: Ein spannender Roman, der das historische Lübeck vor meinem geistigen Auge wieder auferstehen ließ und den Wunsch in mir weckte, die schöne Stadt an der Trave mal wieder zu besuchen. Und beim Genuss von Lübecker Marzipan werde ich künftig immer an diesen Roman und an Johann und Anna denken müssen.
Von Lena Johannson habe ich schon einige zumeist historische Romane gelesen, die allesamt in Norddeutschland spielen. Besonders gefallen hat mir auch ihre Trilogie über den Bau des Nord-Ostsee-Kanals.
