Die Flussfrau (Tanja Weber)
Dieser Roman erzählt die Lebensgeschichte von Elisabeth, genannt Lis, von ihrer Kindheit 1937 bis ins Jahr 2020. Lis wächst auf dem Bauernhof auf, der sich schon seit Generationen in Familienbesitz befindet, die Zeiten sind hart, insbesondere während der Nazizeit und im Zweiten Weltkrieg. Lis träumt von der großen weiten Welt, ihr Element ist das Wasser. Als sie Horst kennenlernt, einen Binnenschiffer, ist es nicht die große Liebe, sondern „alles, was ihn für sie attraktiv machte, war die Aussicht, einem Leben auf dem Bauernhof zu entkommen. Gegen ein Dasein auf dem Wasser einzutauschen. Zu fahren. Unterwegs zu sein. Fremde Landschaften zu sehen. In Freiheit zu sein.“ (Zitat)
Als Horst bei einem Unglück ums Leben kommt, erwirbt Lis das Kapitänspatent und arbeitet fortan allein als Binnenschifferin auf dem Lastenkahn Heidi. In den Nachkriegsjahren ist sie damit eine Exotin in einer Männerdomäne, wird oft belächelt oder gar angefeindet, aber das kümmert Lis nicht. Sie liebt es, unabhängig zu sein, heute hier, morgen dort, je nachdem, wohin der nächste Auftrag sie führt. So ist sie auf Deutschlands Flüssen unterwegs und lebt in ihrer eigenen Welt, mit nur wenig Kontakt zur Außenwelt. Abgesehen von ihrer Familie, die immer weiter auseinander driftet, hat sie nur wenige Berührungspunkte zu anderen Menschen.
Das ändert sich, als sie Vassili kennenlernt, einen Griechen, der in Deutschland in einer Ziegelei schuftet. Zuhause war er Fischer, er liebt das Leben an Bord ebenso wie Lis. Eine Weile sind sie glücklich, doch dann plagt Vassili das Heimweh, während Lis sich ein Leben fern von ihrem Lastenkahn Heidi nicht vorstellen kann.
Dieser Roman ist selbst wie ein Fluss: Mal fließt die Geschichte ruhig und beinahe gemächlich dahin, dann wieder gibt es Strudel, Verwirbelungen und Stromschnellen. An Lis‘ Seite habe ich die deutsche Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg miterlebt, etwa die Nachkriegszeit und die Zeit des Wiederaufbaus: „Deutschland räumte auf und der Menge an Schutt nach zu urteilen, den allein die Heidi in den drei Jahren transportierte, lag das ganze Land in Trümmern.“ (Zitat)
Angesprochen werden auch die negativen Auswirkungen der Wirtschaftswunderjahre: Flüsse werden begradigt und in Betonrinnen gezwungen, Flussauen verschwinden und mit ihnen die Tierwelt, die sich dort zuvor heimisch gefühlt hatte.
Ein weiteres Thema ist die Rolle der Frau in der Gesellschaft und das ist erschreckend aktuell: So ereignet sich auf der Heidi ein Vorfall, nach dem Lis geraten wird, zu ihrem eigenen Schutz einen Mann an Bord zu nehmen. Sie grübelt: „Musste man sich als Frau immer und überall als Beute fühlen, solange man sich nicht in der schützenden Gegenwart eines Mannes befand? Und überhaupt, dachte sie, wenn Männer jede alleinstehende Frau als potentielles Opfer betrachteten, wieso sollte sie sich dann in ihrer Gegenwart sicher fühlen?“ (Zitat)
Lis‘ Lebensgeschichte mit all ihren Schicksalsschlägen hat eine ungeheure Sogwirkung auf mich ausgeübt. Obwohl ruhig und leise erzählt, fand ich die Handlung so spannend, dass ich das Buch kaum noch weglegen konnte und oft über die Geschichte nachgedacht habe, wenn ich gerade nicht weiterlesen konnte. Zum Ende hin wird es sehr melancholisch, wie das ja oft so ist bei Menschen, die selbst sehr alt werden und zusehen müssen, wie all ihre Lieben vor ihnen gehen – etwas, was ich gerade auch in der eigenen Familie hautnah miterlebe, weshalb es mich bei der Lektüre vermutlich umso mehr angefasst hat.
Fazit: Sehr lesenswerter Roman, der noch lange nachwirkt, mit einer ungewöhnlichen Protagonistin.
Von Tanja Weber, die auch unter den Pseudonymen Marie Matisek und Judith Arendt veröffentlicht hat, habe ich so gut wie alle Bücher gelesen und sie haben mir allesamt gefallen, so unterschiedlich sie auch waren. Entsprechend hoch waren meine Erwartungen auch diesmal und ich wurde nicht enttäuscht.
