Pioneers of Space (Alexander Wolfsland)
Reihe: Marsgir-Chroniken, Band 2
Genre: Hard Science-Fiction / Coming-of-Age
Erzählperspektive: Ich, Hannah Daun (17)
Ein Kammerspiel mit 400 Millionen Kilometern Auslauf
Es gibt einen Moment ungefähr im ersten Viertel dieses Buches, an dem sich entscheidet, ob man es zur Seite legt oder bis vier Uhr morgens weiterliest. Die Hauptschiffsärztin ist tot. Sie ist gestorben, weil sie ohne Maske zu einem Vergifteten gelaufen ist. Und die einzige Person an Bord, die medizinisch überhaupt etwas kann, ist siebzehn Jahre alt.
Es folgt keine Heldenmusik. Es folgt eine Bestattung an einer Luftschleuse auf Deck 6, 115 Überlebende, und ein Mädchen, das eine Aufgabe übernimmt, für die es nicht ausgebildet ist, weil sonst niemand da ist - nur unterstützt durch einen Pfleger auf dem Schiff und Telemedizin vom Mars mit 20 Minuten Signallaufzeit. Das ist der Ton dieses Romans, und er hält bis zur letzten Seite.
Pioneers of Space erzählt die 241 Tage der Newcomer zwischen Erde und Mars. 118 Menschen, ein Schiff, keine Fluchtmöglichkeit — und ein Saboteur an Bord.
Der Whodunit im geschlossenen System
Formal ist das Buch ein klassischer Closed Circle: eine begrenzte Zahl Verdächtiger, keine Polizei, keine Zeugen, kein Ausweg. Was den Roman von hundert vergleichbaren Konstruktionen abhebt, ist die Konsequenz, mit der jeder Sabotageakt physikalisch zu Ende gedacht wird.
Der Anschlag auf die CO₂-Wäscher tötet drei Menschen und vergiftet zwölf. Die zerstörte Hauptantenne kappt für 34 Stunden die Verbindung zur Erde. Die E.-coli-Kontamination trifft 240 Tonnen Wasser und zwingt die Autorin — und mit ihr die Protagonistin — dazu, eine Verteilungsliste für 115 Menschen aufzustellen. Wer bekommt wie viel. Nach welchen Kriterien. Wer entscheidet das.
Es ist bezeichnend, dass die eindrucksvollste Szene des Buches keine Actionszene ist, sondern eine Rechnung.
Die Auflösung des Kriminalfalls kommt dabei früher, als man erwartet — der Täter sitzt lange vor Erreichen des Mars in Gewahrsam. Das ist ein mutiger Bauplan, weil er auf die naheliegende Schlusspointe verzichtet. Die letzten hundert Seiten leben stattdessen von etwas anderem: von der Frage, was der Verrat mit einer Gemeinschaft macht, die ihn überlebt hat. Und wie man ein defektes Raumschiff "runter bringt".
Die Figur, die dieses Buch trägt
Hannah Daun war im Vorgängerband eine wütende Sechzehnjährige mit einem Blog. Hier wird sie Ärztin, Ermittlerin und Anführerin, und das Buch macht kein Geheimnis daraus, dass sie zu keiner dieser drei Rollen befähigt ist. Sie wird es durch Wiederholung, durch Fehler und durch die Weigerung, den Raum zu verlassen.
Zwei Szenen sollte man sich merken.
Die erste: eine Trepanation. Vier Stunden, an einem Mann mit Epiduralhämatom, den sie nicht ausreichend versorgen kann. Direkt danach eine Armamputation in 45 Minuten. Hannah verzichtet bei der Beschreibung (ich-Perspektive) auf jede Ästhetisierung. Was bleibt, ist die Nüchternheit einer Siebzehnjährigen, die zählt, weil Zählen das Einzige ist, was sie noch kontrollieren kann.
Die zweite: Jin Sato steigt in einen havarierten Reaktorschacht und öffnet in 41 Sekunden drei Ventile. Er rettet damit alle 115 Menschen an Bord. Er zahlt dafür mit sechs Wochen Strahlenkrankheit, dauerhaftem Haarausfall und der Gewissheit, nie Kinder zu bekommen. Sein Kommentar dazu ist einer der besten Sätze des Buches, und ich verrate ihn hier nicht.
Das ist die eigentliche Leistung dieses Romans: Er lässt seine Figuren bezahlen, und er verrechnet die Kosten nicht nachträglich weg. Keine magischen Schwerter, die alle Probleme lösen - ein Leitmotiv, das der Autor auch in dieser Buchreihe weiter einhält.
Der Handlungsstrang, der wehtut
Parallel zum Kriminalfall läuft eine zweite Geschichte, und sie ist die härtere. Hannahs Mutter Yuki hat Chorea Huntington. Der Roman verfolgt ihren Verfall über die gesamte Reise hinweg in kleinen, präzise datierten Beobachtungen: erst ein minimales Zittern, dann eine zehn Sekunden lange Wortfindungsstörung, dann ein grundloses Stolpern bei 0,38 g, irgendwann die Unfähigkeit, Schnürsenkel zu binden.
Man sieht das Ende die ganze Zeit kommen. Genau darin liegt die Grausamkeit.
Diese Erzählentscheidung — eine tödliche Erbkrankheit als langsam laufende Uhr neben einem schnell laufenden Thriller — bindet die beiden Ebenen des Buches zusammen. Der Saboteur ist eine Bedrohung, die man festnehmen kann. Die Krankheit ist es nicht.
Was den Zyklus zusammenhält
Wer nur diesen Band liest, bekommt eine geschlossene Geschichte. Wer die Reihe von vorne verfolgt, sieht mehr.
Der Bogen des Terrors. Der Anschlag von Earth First auf die Hopeful aus dem Vorgängerband ist hier nicht Kulisse, sondern Motiv. Der Saboteur ist kein Fanatiker, sondern ein Vater, dessen Frau und achtjähriger Sohn 2045 bei einem Bombenanschlag starben — verübt von genau der Bewegung, in deren Trauergruppe er drei Jahre später radikalisiert wurde. Er bringt Hannah zweimal ungefragt Kaffee. Er hat eine Tochter auf der Erde, die ihren Blog liest. Der Roman macht ihn dadurch nicht sympathisch. Er macht ihn erklärbar, und das ist unangenehmer.
Der Blog. MarsGirl_16 wächst von drei auf dreißig Millionen Follower. Was in Band 1 ein Ventil war, wird hier zu einer Machtfrage: Wer kontrolliert die Erzählung über eine Mission, die halb Erde beobachtet? Diese Frage wird im Folgeband zur Waffe.
Die Kolonie. Olympus 1 ist bislang nur eine Stimme aus dem Funk (oder der Vorgeschichte "Rebellion of the Marsborn") gewesen. Hier taucht sie erstmals als handelnde Größe auf — eine Spezifikation aus der Hydroponik löst die Wasserkrise, ein Fahrzeug aus der Kolonie rettet Menschen aus dem abgestürzten Modul. Der Zyklus fügt seine beiden Hälften zusammen, ohne dass es nach Fanservice klingt.
Der offene Faden. Die künstliche Intelligenz, die im ersten Band eine tragende Rolle spielte, kommt hier nicht mehr vor. Ob das Absicht ist oder eine Lücke, wird man erst später wissen.
Kritik
Drei Punkte, ehrlich gesagt.
Erstens: Der Roman führt eine erhebliche Zahl von Nebenfiguren ein, und nicht alle bekommen genug Raum, um mehr zu sein als eine Funktion. Der ein oder andere hätte mehr Raum benötigt. Auf der anderen Seite sind mit den "Fünf" und der Schiffsmannschaft schon genug aktive Leute auf dem Kolonieschiff unterwegs.
Zweitens: Die Datierung nach Schiffs-Sol ist konsequent, aber sie verlangt Mitarbeit. Ein Zeitstrahl im Anhang hätte geholfen.
Drittens: An einigen Stellen kippt die technische Genauigkeit ins Belehrende. Wer Hard SF liest, nimmt das gern in Kauf. Wer wegen der Figuren gekommen ist, wird zwei- oder dreimal ungeduldig.
Fazit
Pioneers of Space ist ein Buch über Kompetenz unter Bedingungen, unter denen niemand kompetent sein sollte. Es ist physikalisch sauber gerechnet, emotional rückhaltlos und in seinen besten Momenten schwer erträglich — im guten Sinne.
Vor allem aber hat es den Mut, seine Rechnungen offen zu präsentieren. Drei Tote auf der Reise. Sechzehn insgesamt. Eine Frau, die an Bord bleibt, damit hundertneun Menschen landen können. Der Roman zählt sie einzeln auf, und er lässt die Namen stehen.
Für Leserinnen und Leser von: Andy Weir, Kim Stanley Robinson, The Expanse — und für alle, die ein Coming-of-Age-Buch suchen, das das Erwachsenwerden nicht als Metapher behandelt.
Bewertung: 4,5 von 5
