Im Gespräch mit der Bücherpäpstin: Helga Körner über Ehrlichkeit, Trends und die Titelflut
Was in einer Facebook-Gruppe begann, ist heute eine der bekanntesten Buchblog-Adressen im deutschsprachigen Raum: Helgas Bücherparadies.
Seit 2018 liest Helga Körner wöchentlich rund drei bis vier Bücher, verfasst Rezensionen und Buchvorstellungen, führt Autoreninterviews und veranstaltet Buchverlosungen – mit Erfolg: Gut 15.000 Follower auf Facebook und über 8.000 auf Instagram sprechen für sich.
Ihre Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet: 2021 gewann sie den Planet-Award und den Skoutz-Award für den besten Buchblog und stand beim Newcomer-Blog-Preis auf der Frankfurter Buchmesse im Finale. Leser schätzen die ehrliche, zugängliche Art ihrer Rezensionen – und dass Bestsellerautoren und Debütwerke bei ihr gleichermaßen eine Bühne finden.
Als Mitglied der ersten Stunde des #bookstagram Magazins hat Helga dessen Inhalte von Beginn an mitgeprägt. Heute spricht sie mit uns über ihre Einblicke in den Buchmarkt.
Du bloggst seit 2018 – was hat dich damals dazu gebracht, aus der Facebook-Gruppe heraus einen eigenen Blog zu gründen? Hast du geahnt, wie groß das werden würde?
Helga: Eine Bekannte von mir hatte einen Blog eröffnet, und da dachte ich mir, das möchte ich unbedingt auch machen. Kurz darauf habe ich Helgas Bücherparadies gegründet. Niemals hätte ich gedacht, dass mir einmal so viele Menschen folgen würden. Umso mehr freue ich mich darüber, dass die Zahl meiner Leserinnen und Leser bis heute stetig wächst.
Drei bis vier Bücher pro Woche, tägliche Beiträge, Social Media, Autoreninterviews – wie sieht ein typischer „Helga-Tag“ aus?
Helga: Mein Tag beginnt schon früh am Morgen. Als Erstes erstelle ich meinen Morgengruß. Kurz darauf veröffentliche ich die Rezension, Buchvorstellung oder Autorenvorstellung, die ich mir zuvor in meinem Terminkalender notiert habe. Anschließend teile ich die Rezension in verschiedenen Onlineshops. Danach arbeite ich am PC an meiner nächsten Rezension.
Am Nachmittag gehört meine Zeit ganz dem Lesen. Dabei verbringe ich oft zwei bis drei Stunden mit einem Buch. Zwischendurch beantworte ich meine Mails und informiere mich über kommende Neuerscheinungen.
Es ist fast wie ein Vollzeitjob. Trotzdem ist es für mich ein Hobby, das ich mit großer Freude ausübe und nicht mehr missen möchte.
Du gibst sowohl großen Verlagsautoren als auch Selfpublishern und Newcomern eine Plattform. Wie hat sich das Verhältnis zwischen traditionellen Verlagen und Selfpublishing in den Jahren deines Bloggens verändert?
Helga: Ich habe den Wandel direkt miterlebt. Anfangs wurden Self-Publisher oft belächelt und von vielen nicht als gleichwertig angesehen. Heute ist das anders. Viele veröffentlichen bewusst unabhängig und erreichen dabei eine große Leserschaft. Für mich zählt am Ende nicht der Veröffentlichungsweg, sondern eine gute Geschichte. Deshalb bekommen auf meinem Blog sowohl Verlagsautoren als auch Self-Publisher und Newcomer die gleiche Chance.
Dein Rezensionsexemplar-Stapel ist so groß, dass du kaum noch neue Anfragen annehmen kannst. Ist das nicht auch ein Symptom für die Titelflut auf dem Buchmarkt – und was bedeutet diese Menge für Leser, Autoren und Blogger?
Helga: In der Tat beobachte ich, dass Monat für Monat so viele Neuerscheinungen erscheinen wie nie zuvor. Für uns Blogger bedeutet das, dass wir eine bewusste Auswahl treffen müssen, weil wir unmöglich alles lesen können. Deshalb haben bei mir die Bücher meiner Stammautoren Vorrang. Für Leser wird es dadurch schwieriger, den Überblick zu behalten. Autoren stehen vor der Herausforderung, mit ihren Büchern sichtbar zu bleiben. Die große Vielfalt ist zwar bereichernd, sorgt aber auch dafür, dass viele Titel schneller wieder aus dem Blickfeld verschwinden.
Verlage nutzen Buchblogger zunehmend als Teil ihrer Öffentlichkeitsarbeit – oft ohne Honorar. Wie siehst du das Verhältnis zwischen Bloggern und Verlagen: auf Augenhöhe, oder gibt es da noch Nachholbedarf?
Helga: Ich habe das Gefühl, dass sich das Verhältnis in den vergangenen Jahren deutlich verbessert hat. Viele Verlage schätzen die Arbeit von Buchbloggern und begegnen ihnen mit Respekt. Ich selbst blogge von Anfang an ohne Honorar und investiere viel Zeit und Herzblut in jede Rezension. Hinter jeder Buchvorstellung steckt ein großer zeitlicher Aufwand, der oft unterschätzt wird. Eine bezahlte Rezension hat für mich auf gut Schwäbisch ein Gschmäckle, denn meine Leser sollen darauf vertrauen können, dass meine Meinung unabhängig und ehrlich ist.
Cosy Crime, Regionalkrimi, Feelgood-Romane – das Lesepublikum scheint sich stark in Richtung „Wohlfühllünge“ zu entwickeln. Siehst du das auch so, und was sagt das über uns als Gesellschaft aus?
Helga: Ja, diesen Trend beobachte ich ebenfalls. Viele Leser greifen heute gerne zu Büchern, die ihnen eine Auszeit vom Alltag schenken und ein gutes Gefühl vermitteln. Das kann durchaus ein Zeichen dafür sein, dass sich viele Menschen nach Ruhe und positiven Geschichten sehnen. Ich persönlich lese diese Genres zwar auch gerne, genauso begeistern mich aber spannende Thriller und historische Romane. Für mich macht gerade diese Vielfalt den Reiz des Lesens aus.
Mehrere Autoren loben, dass du den Spagat zwischen Spoiler und kluger Andeutung schaffst wie kaum eine andere. Wie gehst du methodisch an eine Rezension heran – gibt es so etwas wie dein persönliches Handwerk?
Helga: Während des Lesens mache ich mir bereits Notizen und überlege mir, wie ich andere Leser neugierig machen kann, ohne zu viel von der Handlung zu verraten. Danach entwickle ich ein erstes Konzept für meine Rezension. Erst im Anschluss vergleiche ich meine Eindrücke noch einmal mit dem Klappentext, um sicherzugehen, dass ich nichts vorwegnehme oder unbeabsichtigt spoilere. So entsteht Schritt für Schritt eine Rezension, die informiert, aber die Spannung für zukünftige Leser erhält.
Eine ehrliche, auch mal kritische Rezension – wie reagieren Autoren darauf? Und wie findest du die Balance zwischen Ehrlichkeit und Wertschätzung?
Helga: Meine Rezensionen sind grundsätzlich ehrlich. Ich bin mir bewusst, dass Autorinnen und Autoren viel Arbeit und Herzblut in ihre Bücher investieren, und genau deshalb ist mir ein respektvoller Umgang wichtig. Wenn mir ein Buch nicht gefällt, breche ich es auch ab, schreibe dann aber keine Rezension über ein abgebrochenes Buch. Kritik ist für mich völlig in Ordnung, solange sie sachlich bleibt und die Wertschätzung nicht verloren geht. Diese Balance ist nicht immer einfach, aber ich versuche immer mein Bestes, um fair und authentisch zu bleiben.
Wenn du auf acht Jahre Helgas Bücherparadies schaust: Was hat sich an deinem Blick auf Bücher und den Buchmarkt verändert — und was ist geblieben?
In den acht Jahren hat sich mein Blick auf Bücher und den Buchmarkt durchaus verändert. Ich bin deutlich kritischer geworden und hinterfrage Bücher heute bewusster als früher. Gleichzeitig habe ich inzwischen das Privileg, mir die Bücher, die ich rezensieren möchte, gezielt aussuchen zu können. Das macht das Lesen und Rezensieren für mich noch erfüllender.
Geblieben ist aber vor allem meine Begeisterung für gute Geschichten. Die Freude am Lesen und der Austausch mit anderen Buchbegeisterten sind für mich nach wie vor das, was Helgas Bücherparadies ausmacht.
Was wünschst du dir vom Buchmarkt – von Verlagen, Autoren, Lesern und anderen Bloggern – für die nächsten Jahre?
Helga: Ich wünsche mir vom Buchmarkt vor allem weiterhin viele spannende und vielfältige Bücher, die mich begeistern und meine Bücherfreunde zum Lesen motivieren. In den vergangenen Monaten habe ich allerdings beobachtet, dass Rezensionsexemplare begrenzt an Blogger vergeben werden. Das war vor einiger Zeit noch weniger ausgeprägt. Ich persönlich habe bei einigen Verlagen keine Schwierigkeiten, Rezensionsexemplare zu erhalten, erlebe aber auch immer wieder Absagen. Mir ist bewusst, dass die Anzahl begrenzt ist und nicht jeder alles bekommen kann.
Gleichzeitig wünsche ich mir, dass klassische Buchblogs mit Rezensionen, Buchvorstellungen und Autorenvorstellungen weiterhin ihren Platz behalten und geschätzt werden. Es würde mich sehr freuen, wenn mein Blog auch in Zukunft so gut angenommen wird wie bisher. Über jedes Feedback, jeden Like und jeden Kommentar freue ich mich sehr, weil sie zeigen, dass meine Arbeit wahrgenommen wird.
Ich bedanke mich ganz herzlich für dieses Interview.
Vielen Dank, dass Du mit uns gesprochen hast!
