Eine Hörbuchsprecherin packt aus: Nathalie Costi
Nathalie Costi ist renommierte Hörbuchsprecherin. Wir bei productive-books.org kennen Nathalie schon länger, da sie sich gemeinsam mit Alexander Wolfsland ehrenamtlich für das Hörbuchprojekt Mia Raloris zugunsten des Kinderhospiz Bärenherz engagiert.
Liebe Nathalie, ich freue mich, dass Du heute das Interview mit mir führst und uns aus dem Leben einer Hörbuchsprecherin erzählst.
Nathalie, wie hat das bei dir angefangen – gab es diesen einen Moment, in dem du wusstest: „Ich will Bücher nicht nur lesen, sondern ihnen Leben einhauchen“?
Eigentlich hat alles schon in meiner Kindheit angefangen - und zwar mit Hörspielen. Reihen wie "Die drei Fragezeichen", "TKKG" oder noch früher "Hui Buh" und viele andere liefen bei mir rauf und runter. Ich fand es faszinierend, wie allein durch Stimmen ganze Welten im Kopf entstehen konnten. Man hat beim Zuhören plötzlich mitgefiebert, gelacht oder sich gegruselt, obwohl man ja „nur“ Stimmen gehört hat.
Schon sehr früh dachte ich: "Genau das möchte ich machen!"
Wenn du ein neues Manuskript bekommst: Liest du es erst einmal komplett für dich durch, oder lässt du dich beim ersten lauten Lesen im Studio selbst von der Geschichte überraschen?
Tatsächlich lese ich das komplette Manuskript vorher oft ganz bewusst nicht. Gerade emotionale Szenen oder überraschende Wendungen sollen sich für mich im Moment echt anfühlen – und genau das hört man später auch. Besonders bei Krimis oder sehr emotionalen Geschichten hilft es mir, nicht schon jede Szene im Detail zu kennen. So bleiben Reaktionen spontan und authentisch.
Ich bespreche vor dem Start des Einsprechens natürlich mit dem Autor bzw. der Autorin oder der Produktion, wie bestimmte Figuren angelegt sind, welche Stimmung das Buch tragen soll oder wie einzelne Charaktere wirken sollen.
In manchen Romanen gibt es Dutzende Charaktere. Wie schaffst du es, dass eine Person auf Seite 400 noch exakt so klingt wie am Anfang, ohne die Stimmen zu verwechseln?
Ich mache mir zu jeder Figur kleine Notizen: Stimmlage, Tempo, bestimmte Eigenheiten und ganz wichtig sind die passenden Bilder im Kopf. Manche Figuren haben für mich sofort eine ganz klare Klangfarbe.
Auch gibt es z.B. die Möglichkeit, sich kleine Tonausschnitte der verschiedenen Personen/Figuren anzulegen und dann kann man noch mal "nachhören", wie man sie gesprochen hat.
Stundenlang konzentriert zu sprechen ist anstrengend. Wie bereitest du deine Stimme vor, und hast du ein persönliches Geheimrezept, wenn die Stimme mal streikt?
Das Wichtigste vor jeder Aufnahme ist tatsächlich das Aufwärmen der Stimme. So wie Sportler ihre Muskeln vorbereiten, muss auch die Stimme erst „in Gang kommen“. Ich mache Atemübungen, summe ein bisschen, spreche Zungenbrecher oder lese mich langsam mit einem Korken im Mund ein. Gerade bei längeren Aufnahmen sind regelmäßige Pausen unglaublich wichtig – die Stimme braucht zwischendurch einfach Erholung, damit sie konstant bleibt und nicht überlastet wird.
Und wenn die Stimme doch mal streikt, hilft meistens schon: kurz durchatmen, etwas trinken und ein gutes Bonbon für die Stimme lutschen. Manchmal wirken diese kleinen Pausen wirklich Wunder.
Du arbeitest oft in einer kleinen, isolierten Kabine. Wie schaffst du es, an so einem engen Ort im Kopf riesige Welten oder dramatische Szenen entstehen zu lassen?
Das Faszinierende ist: Sobald die Geschichte beginnt, verschwindet der Raum um mich herum komplett. Dann bin ich nicht mehr in einer Sprecherkabine, sondern mitten im Wald, auf einem Schiff oder in einem alten Herrenhaus. Die Fantasie übernimmt irgendwann einfach die Regie.
Gab es schon mal eine Szene, die dich emotional so gepackt hat, dass du die Aufnahme unterbrechen musstest, weil du selbst lachen oder weinen musstest?
Oh ja, absolut. Gerade sehr traurige oder besonders berührende Szenen gehen manchmal richtig unter die Haut. Ich hatte tatsächlich schon Aufnahmen, bei denen ich kurz stoppen musste, weil mir die Stimme weggebrochen ist oder ich lachen musste. Das gehört irgendwie dazu – und zeigt ja auch, wie stark Geschichten wirken können.
Wirst du im „echten Leben“ – zum Beispiel an der Supermarktkasse oder am Telefon – manchmal an deiner Stimme erkannt?
Noch hält sich das tatsächlich in Grenzen. Ich glaube, dafür müsste ich erst die ganz großen Bestseller sprechen, die gefühlt jeder zweite auf dem Nachttisch liegen hat. Aber wer weiß – vielleicht passiert es ja irgendwann mal, dass jemand an der Supermarktkasse plötzlich sagt: „Moment mal … diese Stimme kenne ich doch!“
Kannst du nach einem Tag im Studio privat überhaupt noch Hörbücher hören, oder genießt du dann lieber die absolute Stille?
Tatsächlich höre ich auch privat total gerne Hörbücher – wahrscheinlich einfach, weil ich Geschichten liebe. Noch häufiger laufen bei mir allerdings Podcasts, weil ich es spannend finde, dabei einfach neuen Menschen und Themen zuzuhören.
Und manchmal brauche ich ganz bewusst gar nichts auf den Ohren. Gerade beim Spazierengehen mit meinem Hund genieße ich es total, einfach die Geräusche der Natur wahrzunehmen und den Kopf ein bisschen frei zu bekommen.
Viele unserer Leser lesen ihren Kindern oder Enkeln vor. Welchen einfachen Trick kannst du uns verraten, mit dem eine Geschichte sofort lebendiger klingt?
Der einfachste Trick ist: langsamer lesen und bewusst Pausen machen. Viele versuchen beim Vorlesen besonders ‚perfekt' zu klingen – dabei wird eine Geschichte viel lebendiger, wenn man sich traut, Emotionen zuzulassen und einzelnen Figuren kleine Eigenheiten zu geben. Kinder spüren das sofort, und ehrlich gesagt: Erwachsene auch. Es gibt kaum etwas Schöneres, als zu sehen, wie jemand beim Zuhören in eine Geschichte versinkt - egal welches Alter.
Liebe Nathalie, danke, dass Du uns Einblicke in Deine Arbeit gegeben hast. Wir wünschen Dir weiterhin viel Erfolg bei Deiner Arbeit. Wer als Autor:in selbst über die Vertonung seines Buchs nachdenkt, findet Nathalies Kontaktdaten auf ihrer Website Voice for You - Nathalie Costi.
