München 72 – Tod im Schatten der Olympiade (Gretel Mayer)
Die Olympischen Sommerspiele in München 1972 waren bewusst konzipiert als Gegenentwurf zu den Olympischen Spielen 1936 in Berlin. Man wollte den größtmöglichen Gegensatz zu den Spielen der Nazizeit, die Spiele in München sollten als die „heiteren Spiele“ in Erinnerung bleiben – das gelang bis zum 5. September 1972, als bei einem schrecklichen Terroranschlag elf israelische Olympiateilnehmer, ein deutscher Polizist und fünf der acht palästinensischen Attentäter getötet wurden.
Vor diesem Hintergrund spielt dieser fiktive Krimi: Ganz München steht noch unter Schock angesichts der schrecklichen Ereignisse bei Olympia und auch Kriminalhauptkommissar Korbinian Hilpert fühlt sich abgeschlagen und bräuchte eigentlich dringend Erholung. Doch daraus wird nichts: Am Mathildengymnasium wird eine unbeliebte Lehrerin erschlagen aufgefunden – und zwar ausgerechnet von Hilperts Tochter Elsi, die dort zur Schule geht. Hilpert und sein Kollege Ludwig Waldleitner ermitteln und stellen bald fest, dass etliche Personen ein Mordmotiv gehabt hätten, darunter auch Elsis Freund Klaus. Als Hilpert entsprechend nachforscht, führt das zu einer handfesten Familienkrise. Aber es gibt noch andere Verdächtige und die Spur führt tief in die Vergangenheit …
Der Kriminalfall ist spannend angelegt und angesichts der vielen Personen, die ein Motiv gehabt hätten, tappte ich lange Zeit im Dunkeln. Die Geschichte wird aus mehreren wechselnden Perspektiven erzählt, so kann man sich als Leserin in die Denkweise der verschiedenen Figuren hineinfühlen, ist den Ermittlern damit oft auch einen Schritt voraus, dennoch hatte ich lange Zeit keine Ahnung, wer denn nun tatsächlich der oder die Täterin sein könnte.
Die Olympischen Spiele dienen der Geschichte nur als historischer Hintergrund, spielen aber ansonsten keine große Rolle im Kriminalfall. Einige der Figuren in der Handlung sprechen bayerischen Dialekt, ich bin mir nicht sicher, wie verständlich diese Passagen für Leser*innen sind, die des Bayerischen nicht mächtig sind, aber ich denke, der Sinn der jeweiligen Dialoge ist durchaus erfassbar.
Dies ist bereits der dritte Kriminalfall für Korbinian Hilpert: In „Münchner Vergangenheit“, das im Jahre 1954 spielt, ist Hilpert noch ganz neu bei der Kriminalpolizei und wird bei seinem ersten Mordfall mit einem Opfer konfrontiert, das eine äußerst schillernde Vergangenheit sowohl während der Nazizeit als auch später in der Münchner Schwarzmarktszene hatte. Das Buch ist 2023 erschienen, ich habe es leider noch nicht gelesen. Mit Spannung gelesen habe ich hingegen den 2024 erschienenen zweiten Band „Schwabing 62“, der die Schwabinger Krawalle und die Schwabinger Künstlerszene im Jahr 1962 zum zentralen Thema hat. Wenn die Autorin dieses Muster beibehält, müsste der nächste Band ihrer Krimireihe in den 1980ern spielen – ich bin gespannt!
Gaaaaanz kleiner Malus: Ich störe mich an dem Wort „Olympiade“ im Buchtitel, denn genau genommen bezeichnet dieser Begriff das Intervall zwischen den Olympischen Spielen, also eine Zeitspanne von vier Jahren, siehe auch Wikipedia. Aber vermutlich wäre „Tod im Schatten der Olympischen Spiele“ für den Buchtitel einfach zu lang gewesen.
Wer mehr über die Olympischen Spiele von 1972 in München erfahren will, dem möchte ich noch zwei weitere Bücher ans Herz legen:
Der Roman „Wir träumten vom Sommer“ von Heidi Rehn spielt auf zwei Zeitebenen: Erzählt wird zunächst von den Studentenprotesten 1968 in München, dann wird die Geschichte der Protagonistin vier Jahre später weiter erzählt, als sie Hostess bei den Olympischen Spielen ist und die dortigen Ereignisse hautnah miterlebt.
Das Sachbuch „München 72 – Ein deutscher Sommer“ schildert in 20 Kapiteln – eines für jeden Wettkampftag – die damaligen Ereignisse aus der Sicht von Sportlern, Journalisten, Besuchern, Organisatoren und anderen Zeitzeugen. Liest sich spannend wie ein Krimi und ist zudem unglaublich informativ und lehrreich.
